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Rede zum 45-jährigen Jubiläum des Polizeianwärterlehrganges 18/20a


Liebe ehemalige Kollegen!

Als wir das Treffen planten, konnten wir nicht ahnen, dass dieses Unternehmen nach 45 Jahren unserer Einstellung in den Polizeidienst eine solche Resonanz haben würde. Wir freuen uns deshalb, dass Ihr unserer Einladung gefolgt seid und dass unsere Bemühungen schließlich von einem Erfolg gekrönt worden sind. Auch Ihr seid sicher schon voller Erwartung hier eingetroffen, um die alten Kollegen im Unruhestand wieder zu sehen, Erfahrungen auszutauschen und manch köstliche Anekdote aufzufrischen.

Wie es Gerald Herber es mal treffend formulierte, sind wir alle nach dem HAL als Kollegen in alle Winde zerstreut worden, ob noch als Angehöriger der Polizei oder nicht. Für unser Treffen ist es doch mehr von Belang, dass wir gemeinsam eine Zeitlang unserer Ausbildung in Hofgeismar verbracht haben und von dieser Zeit geprägt worden sind.

Ihr werdet Euch sicher gefragt haben, warum maßt sich der Karl-Heinz Will das Amt an, als Nichtpolizeiangehöriger dieses Treffen zu planen?

Der Grund, warum ich das Treffen plante, war folgender: Einmal fand ich es als eine schöne Geste, dass man mich zu diesen Lehrgangstreffen immer mit einlud, obwohl ich doch seit l968 die Polizei verließ. Zum anderen fragte mich mal Adam Schneider, ob ich das nicht mal in die Hand nehmen wollte. Ich betrachtete diese Gelegenheit dazu als kleine Retourkutsche, mich auch mal einzubringen. Als ich mich bei Frau Wodny nach ihrem Gatten erkundete, sagte sie mir, dass er bereits gestorben sei und bis zuletzt noch gehofft habe, dass das Treffen noch einmal stattfinden würde. Das veranlasste mich, die Organisation mal selbst in die Hand zu nehmen. Ich begab mich dann zu Arno Pleger, der dann sofort im Brauhaus anrief und mit der Geschäftsleitung einen Termin ausmachte.

Vor l0 Jahren hat das letzte Treffen hier im Brauhaus stattgefunden. Beim abschließenden sonntäglichen Frühschoppen führten Ulrich Woykenat und ich ein kleines Theaterstück aus dem Gedicht "Der Rechte Barbier" auf. Es war so witzig, dass wir beide beim nächsten Treffen dieses Stück mal vor einem größeren Publikum spielen wollten. Dazu kam es leider nicht mehr, denn l996 fiel das Treffen bekanntermaßen aus. Ulrich war inzwischen gestorben.

Dieses Treffen hat einen anderen Charakter als die bisher verlaufenen, bei denen wir jünger waren und unser Tanzbein noch schwingen konnten. Jetzt sind wir etwas älter, gesetzter, haben alle mehr oder weniger unsere Macken, so dass wir nach so langer Zeit mehr das Bedürfnis haben, uns zu unterhalten. (ob wir uns gegenseitig alle wieder erkennen?) Im Alltag auf der Straße würde man vielleicht aneinander vorbeilaufen, nicht genauer hinsehen. Ein kleines Beispiel soll zeigen, dass das hin und wieder möglich sein kann: "Wie sich Helmut Werner und Gerald Herber sich auf Gran Canaria beschnupperten". Aber hier rechnet man damit, dass die Ankömmlinge einem schon mal in der Ausbildungszeit hier in Hofgeismar über den Weg gelaufen sind.

Auf der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen

Wie Arno Pleger war ich auch mal 4 Jahre als Bergmann untertage, mit Ausgrabungen bestens vertraut. Aber die Suche nach den ehemaligen Kollegen, ob vorher bei der Polizei ausgeschieden oder nicht, gleicht schon mehr der Suche nach der legendären Nadel im berüchtigten Heuhaufen. Zunächst orientierte ich mich im Anschriftenverzeichnis von Adam Schneider, dann versuchte ich mein Glück bei den ehemaligen Dienststellen, die sich meist weigerten, wegen Datenschutz mir eine Auskunft zu erteilen. Auf Empfehlung legte ich mir eine Auskunfts-CD für den Computer zu. Alfred Gutermuth riet mir zur digitalen Telefonauskunft. Beide mit unterschiedlichen Ergebnissen. Denn wenn ein Name seltener auftritt, ist er leichter zu finden. Aber Werner Ebert ist mindestens l5O mal vorhanden, wobei bei vielen auch nur E. Ebert zu finden ist. Selbst die Besoldungsstelle Wiesbaden konnte mir nicht weiterhelfen. Dann versuchte ich es beim RP Darmstadt bei der Stelle Versorgungsbezüge:

An dieser Stelle möchte ich allen ehemaligen Kollegen, die mir bei der Suche behilflich waren, für ihre Mitarbeit danken.

Bei der Trauer erwähnen, dass wir, Helmut Werner und ich, bei Heinrich Rudolfs Beerdigung zugegen waren. (Siehe Traueranzeige der Angehörigen!)

Ausbildung war damals noch etwas militärischer: Karabiner 98, Maschinenpistole, Panzerspähwagen, Handgranaten, heute dagegen viel zivilisierter.

Unterschiedliche Blickrichtungen, Meinungen, Einstellungen zum Treffen



Gerhard Siemon: Für mich ist das Hundertschaftstreffen das wichtigste Ereignis im Jahre 2001!

Ein anderer: Er habe die Polizei vor 20 Jahren verlassen und wünsche keinen Kontakt mehr....
Wieder ein anderer: Die Polizei hab ich abgehakt, will damit nichts mehr zu tun haben.

Man sollte auch die Auffassungen der Kollegen respektieren, die unserer Einladung aus irgendwelchen Gründen nicht folgen konnten oder wollten. Je nachdem, ob sich jemand gern mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt oder sie lieber verdrängt und seinen Blick mehr in die Zukunft richtet. Es könnte vielleicht daran liegen, dass sein bisheriger Lebensweg mehr einer Erfolgstory nahe kommt oder er darin alles andere als eine Offenbarung sieht und sich enttäuscht abwendet. Es ist müßig, nach den Gründen zu forschen.

Einige Ehemalige: Heinrich Thon, Stefan Koch, Ernst Römer, Horst Heer lassen sich entschuldigen. Sie hätten gerne teilgenommen, konnten jedoch der Einladung wegen Terminüberschneidungen (Kuraufenthalte, Reise-Buchungen) nicht Folge leisten, wünschen aber unserem Treffen ein gutes Gelingen. Horst Heer und Wolfgang Hoßbach haben sogar vorgeschlagen, dass vielleicht doch im Jahre 2006 zum 50. Jahrestag wieder ein solches Treffen stattfinden könnte. Ich finde, man sollte diese Idee in Erwägung ziehen und diese beiden beim Wort nehmen und sie schon jetzt als Organisatoren des nächsten Treffens vorschlagen.


Weißt Du noch?


Wir lagen zu sechst auf der Bude 92. Walter Neumann, Fred Langhammer, Alwin Christoph, Gerhard Rühl, Helmut Nitschky und Karl-Heinz Will. Wir hatten eigentlich miteinander keine nennenswerten Probleme.

Nur des Nachts gab es schon gelegentlich kleine Meinungsverschiedenheiten, ob das Fenster offen oder geschlossen bleiben sollte. Es gab nämlich Frischluftfanatiker, die den Pfeifen- oder Zigarettenrauch oder andere Düfte der Zimmerkollegen nicht vertragen zu können glaubten. Sie rissen die Fenster auf, andere schlossen sie mit der Bemerkung 'es ziehe ihnen'. So dauerte es zuweilen eine geraume Zeit, bis jeder seine Ruhe fand und sich nicht mehr durch das Schnarchen der anderen beim Einschlafen gestört fühlte. Morgens nach dem Wecken durch den UVD und der Morgentoilette herrschte eine strenge Arbeitsteilung. Ein Kollege hatte Stubendienst, der die Stube ausfegen musste, natürlich unter den strengen Blicken der anderen. Denn keiner wollte sich beim Stubendurchgang durch den UVD eine Notstandsbereitschaft oder Feuerwache einhandeln, was einer Ausgangssperre gleich kam und damit das Wochenende vermieste. Ein anderer holte die Brötchen, ein dritter schaltete das Radio ein, aus dem damals jeden Morgen um 7.00 Uhr der Frankfurter Wecker gesendet wurde: "Guten Morgen, guten Morgen singe ich nur für Dich leise in Dein Ohr, einen Morgen ohne Sorgen singen wir dann alle im Chor". Der vierte schaute auf den Dienstplan, für welche Fächer wir uns vorzubereiten hatten. Ein fünfter hielt Ausschau nach der Bildzeitung. Der sechste kontrollierte noch einmal den Bettenbau. Beim Kaffeetrinken hörte man den Schlager "Sindy o Sindy, Dein Herz muss traurig sein, der Mann, den Du geliebt, ließ Dich allein." Dann hieß es "Raustreten zum Dienst!"


Szenen der Erinnerung


Wie in einem Film laufen manchmal noch einmal retrospektiv Szenen in der Erinnerung bruchstückhaft vor unserem geistigen Auge ab. Akustische Sinneseindrücke, wie zum Beispiel: Das dröhnende Knarren der Dielen in der Manteufelkaserne, Kommandos auf dem Kasernenhof und das Ausführen der Formationen auf dem Kopfsteinpflaster glich manchmal einem Trommelwirbel, der kleine König gab übrigens vor der Hundertschaft die besten Kommandos. Er ermutigte uns immer mit seiner väterlichen Ansprache, Zynismus war ihm fremd. Motorengeräusche bei der Fahrschule. Das Verhallen der Schüsse auf dem Schießstand mit anschließend obligatorischer Abkommensmeldung. Der Gesang der Hundertschaft durch die Stadt Hofgeismar auf dem Marsch zur Dingel ließ nicht nur die Herzen der vorübereilenden Passanten, insbesondere der weiblichen, höher schlagen , sondern auch bei der Rückkehr die schmerzenden Blutblasen im Stiefel vergessen.
Optische Eindrücke sind haften geblieben, wie


der erste Tag, als wir in die Uniform gesteckt,
stolz wie ein Spanier, hatte man den Kerl entdeckt
und plötzlich vor sich selbst Respekt,
ward von der weiblichen Begierde zum Objekt.
Doch der Schein, er blieb suspekt:
'Der Kerl im Staate ist doch nur Dein Kleid!'
(Lessing 'Nathan der Weise')
dem wir geleistet unsern Eid.

Ein Gaudi war sicher für uns alle die Lehrfahrt zum Edersee mit anschließendem Boogie-woogie in der Kneipe.
Bei Weihnachtsfeiern wurden witzige Beiträge aus Bierzeitungen vorgelesen, dabei wurde uns der Spiegel vorgehalten, wie wir von den anderen gesehen werden.
Neben den angenehmen Erlebnissen gab es natürlich auch Versagens- und Prüfungsängste. Überhaupt Angst, aufzufallen beim Kleiderappell, beim Stubendurchgang vor den Sanktionen Feuerwache oder Notstandsbereitschaft und vor versammelter Hundertschaft einen Anschiss zu bekommen. Man denke noch an Kochs Moralpredigt: 'Ihr seid damals mit Pappkartons gekommen, damit könnt ihr auch wieder gehen!'


Die Ressourcen an jungen Mädchen und Frauen aus Hofgeismar wurde von der stationierten Bereitschaftspolizei abgeschöpft


Nach dem schweren Dienst in der Kaserne waren die Kneipen und Tanzlokale Lindenhof, Grüner Baum und das Treppchen, die Anlaufstationen für die jungen Bereitschaftspolizisten, die beim Tanze den ersten Kontakt zum anderen Geschlecht aufnahmen, der Kelzer Berg war das Abschussgelände.
Nicht wenige Angehörige von der Bereitschaftspolizei haben hier in der Garnisonstadt Hofgeismar Wurzeln geschlagen. Der Bestand oder das Angebot an jungen Frauen und Mädchen wurde von ihnen völlig abgeschöpft. Darunter soll es sogar Platzhirsche gegeben haben, die mit ihren Duftmarken den Revierbereich abgrenzten. Vom eisernen Willen beseelt, schien ihr Ergeiz keine Grenzen zu kennen. Der Variantenreichtum ihrer fruchtbaren und schöpferischen Momente sollte sich gleichzeitig auf die Erbmasse künftiger Generationen niederschlagen. Zeigten sie doch, was Manneskraft ist, und sie ließen ihre Angebeteten nicht eher zur Ruhe kommen, bis sie sich in ihrem fruchtbaren Zustand befanden.
Den Beweis können wir heute Abend liefern. Denn einige Nachkömmlinge sind gegenwärtig unter uns. Die neugierigen Mädchen kreisten damals um die Manteufel-kaserne herum. Einige hatten es offenbar sehr eilig, unter die Haube zu kommen. Der bereits selige Günter Sänger war der erste, der heiraten musste und so bevölkerungspolitisch seinen Beitrag leistete. Ich war das nächste Opfer unserer Hundertschaft , das sich den schlangenartigen Umgarnungen der Freundin Irmgard nicht mehr zu entziehen vermochte. Während die Ledigen den Verführungskünsten und Werben potentieller Bräute noch erfolgreich widerstehen und frei über ihre Groschen verfügen, abends rudelweise die Gaststätten aufsuchen und sorgenfrei einem Glas Wein oder Bier zusprechen und bis zum Zapfenstreich ihre Freizeit auskosten konnten, mussten die, die sich bereits widerstandslos in babylonische Gefangenschaft begeben hatten, bei Löhnung einen Kopfstand machen und vor der Frau und vor allem vor der Schwiegermutter auf Heller und Pfennig Rechenschaft ablegen, ansonsten sich dem Babysitten und der Familie widmen. Nun, haben sich die Investitionen gelohnt? Jung gefreit hat noch nie gereut! Der Beweis: Die meisten Beziehungen haben standgehalten, nicht nur in den Flitterwochen, sondern auch in den Gewitterwochen. Wir waren damals sicher nicht tugendhafter als die jungen Leute von heute in ihren Beziehungskisten. Jedoch konnten wir uns mit den paar Kröten bei einem Ehestreit keine Trennung erlauben. Folglich haben wir uns immer wieder zusammengerauft.

© Karl-Heinz Will
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