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Lieber Hansi (Spiegelfeedback)



Es ist ein wenig seltsam. - Während dich deine Mitmenschen aus deinem Umfeld als liebenswert, rücksichtvoll, gutmütig, hilfsbereit, wohlerzogen und pflichtbewusst empfinden, auch meinen, dass du dich stets bescheiden im Hintergrund hältst und dich ihnen gegenüber großzügig erweist, sie zum Essen einlädst, dich also pflegeleicht und angepasst verhältst, im gleichen Atemzug jedoch in einem kaum wahrnehmbaren, aber unüberhörbaren Unterton vorwurfsvoll erwähnen, dass du stundenlang das Badezimmer in Beschlag nähmst. In dieser sicher maßlosen Übertreibung verbergen sich unterschwellig Aggressionen, etwa Retourkutschen? Giftpfeile, die man quasi in Heckenschützenmanier gegen dich abzuschießen trachtet? Stundenlang im Badezimmer, nur weil diese Leute mal, des Wartens überdrüssig, vor der Türe Schlange stehen, sich die Oberschenkel und Pobacken zusammenpressend und Flüche kaum verkneifend, einem allzu menschlichen Bedürfnis nicht sofort nachkommen können. -
Dabei gehört es doch zu den primitivsten Leistungen eines zivilisierten Homo sapiens, seine Schließmuskeln zu beherrschen.
Die sollten sich - bitteschön - nicht so anstellen!
Vergebens versucht man dich mit 'Hansi, der Kaffee ist fertig!' herauszulocken. - Sicher verständlich.
Doch hier hältst du dich an Storms Ratschlag

'An meine Söhne':
'Blüte edelsten Gemütes ist die Rücksicht,
doch zu Zeiten sind erfrischend wie Gewitter
goldne Rücksichtslosigkeiten.'

Du hast sicher schon gemerkt: Ich habe mich auf deine Seite geschlagen, um dich gegen deine Heckenschützen zu verteidigen.
Das Bad ist nämlich für dich nicht nur der Ort, an dem du deine Morgentoilette abhältst, dich für dein tägliches Outfit stylst, deine Verdauungsreste dem Recycling überantwortest. Nein, es ist für dich, du Stressgeplagter, eine Ort der Ruhe und Besinnung, eine heilige Kapelle, in der du deine Andacht hältst. Während andere, weniger andächtig, sich lautstark artikulieren oder ein Liedchen trällern, um sich für den kommenden Tag Mut zu machen oder die Alptraumgespenster zu vertreiben, hältst du in aller Stille deine Andacht, weil du lärmempfindlich bist, trittst vor dem Spiegel, deinem Altar, dem du die ersten Opfer deines Tatendranges, die Barthaare, darbringst. Dann hältst du, deinem Spiegelbild gegenübertretend, mit dir selbst und deiner Seele ein Feedback. Nimmst täglich immer wieder in deinem Antlitz kleine Veränderungen wahr, vielleicht ein Sorgenfältchen im Augenwinkel, an der Schläfe graue oder oben auf dem Kopf nicht mehr vorhandene Haare. Spuren deines Alterns, die dich vielleicht ein wenig traurig stimmen. Dann aber, allein schon, um dein seelisches Gleichgewicht wieder zu erlangen, streckst du dir oder deinem imaginären Gegnern die Zunge heraus, zeigst ihnen, wie du ihnen mit deinen Grimassen und Gebärden tagsüber den Schneid abzukaufen trachtest, um anschließend wieder äußerst kontrolliert, diszipliniert, vernünftig, sauber und gepflegt, äußerst korrekt und vor allem mit einem 'keep smiling!' deinen Mitmenschen gegenüberzutreten.

Denn vor dem Spiegel rechnest du mit deinen Gegnern ab,
machst drohende Gebärden, schneidest Grimassen.
Dann streckst du ihnen die Zunge heraus
und lässt sie reihenweis' aus Furcht erblassen.


Nach dieser Spiegelfechterei
ist das Bad auch wieder frei.
Dann zeigst du dich dem Rest der Welt
gestylt wie 'aus dem Ei gepellt'.


Karl-Heinz Will
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