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Mein Minderwertigkeitskomplex war die Triebfeder meiner "Karriere"


Wie sehr ich darunter litt, als ich das Realgymnasium bereits nach der Quinta verlassen musste, will ich etwas ausführlicher beschreiben. Da meine Mutter nach dem 2. Weltkrieg einen Amerikaner kennen lernte und ihn später heiratete, um nach den USA auszuwandern, sollte ich zunächst einen Beruf ergreifen, um ihr nach Übersee zu folgen. Meine schulischen Leistungen waren zwar nicht so schlecht, dass ich die Schule hätte verlassen müssen. 'Aber ein Beruf hat einen goldenen Boden.' Der Schock saß jedoch ziemlich tief, als ich meine Klassenkameraden der Quinta verlassen musste. Denn zur Schule bin ich eigentlich stets gern gegangen. Als mich meine Oma fragte: "Du weißt ja, dass deine Mutter auswandern will und du zunächst einen Beruf ergreifen sollst. Was willst du denn werden?" Ich hatte mir darüber noch keine Gedanken gemacht. "Ich weißt nicht", sagte ich. "Aber ich esse gerne Streuselkuchen. - Wie wäre es mit Bäcker?". Also besorgte man mir eine Bäckerlehrstelle in Kassel, Schönfelderstraße, beim Bäcker- und Konditormeister Kowalewski, die ich allerdings aus Gründen, die ich anderswo beschrieben habe, nach 4 Wochen wieder verließ. Nach weiteren berufspraktischen Erfahrungen, nämlich 6 Wochen als Schildermaler und 9 Wochen als Hufschmied hatte ich mich immerhin gesteigert. Ein Lehrvertrag konnte jedoch jedes Mal zwischen meiner Mutter und dem jeweiligen Lehrherrn nicht abgeschlossen werden, da meine Mutter ernstlich erkrankt war. Auch fragte man mich nun nicht mehr, was ich werden wollte, sondern wies darauf hin, dass ich doch wenigstens bei dem jeweiligen Lehrherrn Kost und Logis hätte. Das war ein wichtiges Kriterium, das meine Berufswahl einschränkte. Denn Lehrstellen waren auch damals schon denkbar knapp. Aber nach drei gescheiterten berufspraktischen Erfahrungen sollte ich bei einem Bauern anheuern. Für 30 DM monatlich und manchmal bis zu 16 Stunden Arbeit pro Tag trat ich meine 4. Stelle beim Landwirt Konrad Erle in Gemünden an der Wohra an. Mit 3O ha Land und nur mit Pferdefuhrwerken ausgerüstet, war dies der zweitgrößte Bauer dieses Dorfes. Er erkannte sehr schnell, dass ich zwar in praktischen Dingen zwei linke Hände, aber einen guten Willen hatte. Er wollte mich bis zu meiner Volljährigkeit, also bis zum 21. Lebensjahr, behalten.

Als jedoch einmal in Gemünden ein Sportfest stattfand und bei dem Bauern eine Schülerin zu Gast war, meine ehemalige Klassenkameradin Gerda Meister aus der Quinta, kann man sich denken, dass ich mich meiner schämte, als Bauernknecht ihr gegenüberzutreten.

Ich spielte in der Jugend Fußball. Eines Tages sagte ein Spieler der l. Mannschaft, der sich als Bergmann verdingte und nur zum Wochenende bei seiner Familie weilte, zu mir: "Sag mal, du musst bei dem Bauer Erle für 30 Mark im Monat bis zu 16 Stunden schuften, hast keine Ferien und er lässt dich noch nicht einmal zur Berufsschule besuchen? Wie wäre es, wenn du in den Ruhrpott gehst, dort als Berglehrling anheuerst. Da verdienst du das Fünffache wie hier und hast Deine geregelte Arbeitszeit, nur 8 Stunden pro Tag und jährlich Deinen Tarifurlaub."

Das war ein verlockendes Angebot. Ich ließ mir von meiner Mutter, die auf dem Sterbebett lag, die Genehmigung erteilen, die Stelle als landwirtschaftlicher Gehilfe verlassen zu können.

Ich hätte jubeln können, als mich meine Tante Leni eines Tages von diesem Joch befreite. Nach der Bestattung meiner Mutter bekam ich von meinem jugendamtlichen Amtsvormund eine Bahnfahrkarte nach Essen-Heißingen. Dort sollte ich von Organisatoren in Empfang genommen werden. Aber niemand war zunächst zu sehen. Dicke Tränen kullerten mir nach dem Tod meiner Mutter und in dieser verlassenen Situation die Wangen herunter. Doch dann gesellte ich mich zu anderen Jugendlichen, die auch auf einen Abtransport über den Rhein in den Kohlenpott warteten. Auf der Ladepritsche eines Opel Blitzes sangen wir während der Fahrt zu unserem neuen Bestimmungsort nach Moers die neuesten Schlager. "Ansonsten Herr Luther ist alles in Butter, ansonsten ist ja alles O.K."

Wir wurden zum Berglehrlingsheim Römereck nach Mörs gebracht. Mit 16 Jahren kam man schon als Berglehrling nach unter Tage. So begann meine 5. Lehrstelle, die ich nach 2 1/2 Jahren mit dem Knappenbrief (Theorie und Praxis befriedigend) abschloss, obwohl ich schon nach 8 Monaten einen schweren Unfall unter Tage (4facher Beckenbruch) erlitt (davon später).1 1/2 Jahre war ich dann noch als Knappe im Gedinge tätig. Eine Unfallrente von 30 % bekam ich 2 Jahre lang.

Ein wichtiges Erfolgserlebnis sollte sich nach den vielen Enttäuschungen: (Unehelich geboren, Verlassen des Realgymnasiums bereits nach der Quinta. Keinen Abschluss nach den geschilderten berufspraktischen Erfahrungen bzw. Rausschmiss aus den Lehrstellen) ereignen. Denn als Teilnehmer an einem Tanzkursus wurde ich zum Mittelballkönig gekürt und stand plötzlich bei der festlichen Abendveranstaltung im Mittelpunkt. Selbst mein Heimleiter, Herr Münchberg, war zugegen!

Dieses Schlüsselerlebnis schöpfte mir Mut. Um mich vielleicht einmal als Fernfahrer zu verdingen, machte ich die Führerscheine der Klassen I und II, nachdem ich Personenwagen, Lastkraftwagen und Motorroller (Bella mit Beiwagen) gefahren hatte.

Nach 4 Jahren als Bergmann kehrte ich nach Kassel zurück, arbeitete etwa 3 Monate bei dem Schrotthändler Georg Koch, bei dem amerikanische GMC-Teile ausgeschlachtet werden mussten. Danach war ich 3 Monate arbeitslos, erhielt in dieser Zeit Stempelgeld (mein erstes und einziges in meinem Leben!). Dann arbeitete ich 5 Monate bei der DSG (Deutsche Schlaf- und Speisewagengesellschaft) beim Kasseler Hauptbahnhof (das war schon öffentlicher Dienst!).

In dieser Zeit spielte ich bei Phönix Kassel Fußball in der l. Mannschaft und hatte eigentlich mal die Absicht, bei der Post angestellt zu werden.

Doch dann bewarb ich mich um Einstellung bei der Hessischen Bereitschaftspolizei in Hofgeismar im Frühjahr l956. Bei dieser Gelegenheit lernte ich meine spätere Frau in Hofgeismar kennen. Am l. August l956 trat ich den Dienst bei der Hessischen Bereitschaftspolizei in Hofgeismar an. (Ausführliche Darstellung der Ausbildung bei der Hess. Bereitschaftspolizei folgt).

Beim Sportunterricht nahm ich mal einen Kollegen aus Spaß in den Schwitzkasten. Da sagte der zu mir: Ja Will, Du hast es zwar hier - und zeigte dabei auf seine Muskeln - , aber nicht hier - und deutete dabei auf seine Stirn.

Da hatte er mich voll erwischt und meinen Minderwertigkeitskomplex angesprochen. Denn er hatte ja schon die Mittlere Reife. Und diese Leute betrachtete ich damals als Halbgötter.

Meine Reaktion: Ich kaufte mir das Quizbüchlein "Frage mich, ich antworte Dir 3300 mal", löste Kreuzworträtsel, hörte im Radio die Sendungen "die goldene Frage" mit Hans-Joachim Kulenkampff, versäumte nicht das Städtequiz zwischen London und Frankfurt(Main) oder verfolgte im Fernsehen die Quizserie "Hätten Sie`s gewusst?" mit Hans Mägerlein, nutzte also jede Gelegenheit, um mich weiterzubilden. Verwickelte interessierte Kollegen in Gespräche über Quizfragen oder gelesene Bücher. Denn erst jetzt begann ich gute Bücher zu lesen.

Dabei erinnere ich mich noch, als wir zur Dingel marschierten und mich mein Nebenmann in der ersten Rotte, Helmut Werner, fragte: "Sag mal, worum ging es bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern?" Oder nachts beim Streifengehen fragten sich zwei Kollegen, die die Mittlere Reife hatten, über Geschichtsereignisse während einer Streifenpause. Ich hielt mich zurück, denn ich konnte hier nicht mitreden, nicht aus Bescheidenheit, sondern weil ich hier hätte passen müssen.

Doch diese und ähnliche Situationen verstärkten mein Interesse an der Allgemeinbildung, die mir bisher nicht vergönnt war, aber auch gleichzeitig meinen Minderwertigkeitskomplex.

So las ich nachts mit einer Taschenlampe bei der Unterkunftsstreife in der Englischlektüre "Toto, the Schimpanzee", um meine Englischkenntnisse zu erweitern. Denn ich wollte doch demnächst das "English-spoken" am Uniformärmel tragen.

© Karl-Heinz Will
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