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Sozialer Aufstieg von fremd- zur selbstbestimmter Tätigkeit


Berufspraktische Erfahrungen als Bäcker und Konditor (4 Wochen), Schildermaler (6 Wochen), Hufschmied (9 Wochen), landwirtschaftlicher Gehilfe oder Knecht (10 Monate), Bergmann (4 Jahre), Hilfs- und Lagerarbeiter bei den Firmen Koch und DSG-Deutsche Schlaf- und Speisewagengesellschaft (ca. 6 Monate), 12 Jahre Polizeibeamter (Während dieser Zeit besuchte ich das Goethegymnasium und studierte Pädagogik nebenberuflich), 26 1/2 Jahre Realschullehrer. Seit 1995 pensioniert. (12 Jahre).

Die Abendschule im Goethegymnasium in Frankfurt / Main war eine schöne Zeit, in der ich zum ersten Mal mit Naturwissenschaften, Literatur, Musik und Fremdsprachen Englisch und Latein in Berührung kam. Ich habe damals die Bildung in mich eingesaugt, die mir in meiner Jugend bis dahin vorenthalten worden war. Ich litt deshalb höllisch unter Minderwertigkeitskomplexen (die Triebfeder meiner Karriere). Die Bildung, die ich mir bis zu dieser Zeit angeeignet hatte, war ein Quiz- und Kreuzworträtselwissen, nur Oberfläche, konnte nicht eintauchen wie ein Korken, der auf der Wasseroberfläche schwamm. Latein- und Englischvokabeln lernten wir, Robert Keller, Leo Linzner und ich, auf dem Fußweg zum Goethegymnasium oder während der Fußstreife als Polizist. Zum ersten Male hörte ich im Musikunterricht bei Herrn Zoll klassische Musik Wagner "Die Meistersinger von Nürnberg", Mozart, Beethoven, in einer Zeit, als die Beatles aufkamen und man gegen den Vietnamkrieg demonstrierte. Ich erinnere mich noch genau an eine Deutschstunde bei Herrn Meister, der uns im Vorkurs eine Stelle aus "Tristan" von Thomas Mann vorlas und uns testete, aus welcher Lektüre sie stamme und wer der Autor sein könnte. Ich genoss vor allem, wenn Dr. Zimpel sowohl im Deutsch- als auch im Englischunterricht dozierte und uns in die Literatur einführte. An dieser Stelle muss ich noch den seligen Herrn Protsch erwähnen, der nicht nur fachlich, sondern vor allem menschlich einsame Spitze war.

Obwohl ich als einziger Abendschüler neben meinem Polizeidienst ohne Inanspruchnahme eines Walter-Kolp-Stipendiums 3 1/2 Jahre bis zum Abitur unter erschwerten Bedingungen studieren musste, möchte ich die Zeit nicht missen, die mir neben dem Polizeidienst wie ein zusätzliches Geschenk vorkam. Auch mir wäre ein großzügiges Stipendium von 350 DM bewilligt worden. Doch konnte ich den Polizeidienst nicht aufgeben, da ich als verheirateter Familienvater für die Wohnungsmiete schon 240 DM aufbringen musste.

© Karl-Heinz Will
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